Vanille


3. Kapitel / 27. / Vanille


Hannes war unauffindbar. Kurz nachdem wir den Club betreten hatten, hatte ich ihn aus den Augen verloren. Vergebens hoffte ich einen Hinweis auf seinen Verbleib auf meinem Telefon zu finden und suchte ihn halbherzig auf der Tanzfläche, bevor wir den Club gegen 01:00 Uhr verliessen. Er wird, überlegte ich auf dem Weg zu den Toiletten und der letzten Möglichkeit ihn aufzuspüren, wieder zu meiner Wohnung finden oder sich den Weg unter eine fremde Decke ebnen.Beissender Gestank von Urin schlug mir ins Gesicht. Schwarzes Licht hob zerkratzte Aufkleber und Graffiti an den Wänden hervor, und hinter den geschlossenen Türen der Toilettenabteile hörte ich Schniefen, Husten und leises Gekicher.
»Hannes?«, fragte ich laut in die trübe Dunkelheit. Kurz trat Stille ein, begleitet von den weiterlesen

Leseprobe


Vaterliebe – Eine Reise in die Vergangenheit

Novelle © 2014 Mel Wolfen


Ich wuchs wie ein Einzelkind bei meiner Mutter auf. Meine neun Jahre ältere Schwester verließ uns, als ich zwei Jahre alt war, und zog zu ihren Großeltern. Meine Jugend war durchzogen von Episoden, in denen Männer kamen, sich zu mir und meiner Mutter gesellten und früher oder später wieder gingen. Ein paar Kandidaten hätten einer Vaterrolle gerecht werden können, der Großteil war aus den verschiedensten Gründen untauglich. Einer von ihnen, ein kleiner, dickbäuchiger Mann mit Vollbart, der seine Halbglatze mit übergekämmten Haaren zu kaschieren versuchte, schaffte es ein paar Jahre bei uns zu verweilen. Am Anfang der Beziehung hatte ich den Eindruck, er wäre der Kandidat, der meiner Mutter ein Ehemann und mir ein Vater sein konnte. Ich nannte ihn Vater, aber mit den Jahren stellte sich heraus, dass er ein jähzorniger Choleriker war, weiterlesen