Tagtraum


Bedürfnisse


Nichts ist diffiziler als das eigene Befinden. Diese These stelle ich hiermit auf und begründe sie mit einem Zitat von dem Schriftsteller Henry Miller, das mich seit vielen Jahren begleitet:
»Ja, ich bin so verrückt zu glauben, dass der Mensch, der die wenigsten Bedürfnisse hat, der glücklichste ist.«
Das Bedürfnis nach Bedürfnislosigkeit sollte das einzige Bedürfnis sein, dass das Dasein beeinflusst. Ist es natürlich nicht. Bewegung und Fortpflanzung gehören zum Leben eines Menschen genauso mit dazu wie Essen, Trinken, Schlafen und eine regelmäßige Blasen- und Darmentleerung. Alles andere möchte ich hiermit in Frage stellen und bekenne gleichzeitig, wie schwierig es ist die unnötigen Versuchungen, die tagtäglich die weiterlesen

Wortvielfalt


Autorenleben


»Du bist der erste Mann, dem ich begegne, dem so viele Wörter zur Verfügung stehen.«
Es war Mittwoch, und der Tag sollte zum heißesten des Jahres werden. Es hatte seit Wochen nicht geregnet, der Asphalt auf den Straßen schimmerte im unbarmherzigen Sonnenlicht, und alle, die nicht das Glück hatten in der Nähe eines kühlenden Gewässers zu wohnen, stöhnten und wischten sich im Minutentakt den Schweiß von der Stirn.
Meine Kollegin, eine Frau jenseits ihrer besten Jahre, ließ mich die Stirn runzeln. Anerkennend und vor Erfahrung strotzend lächelte sie. Vermutlich wollte sie mir ein Kompliment machen, aber alles, worüber ich nachdenken konnte, war, welche Sorten Mann in ihrem Leben bisher eine Rolle gespielt haben mochten. Ich stellte mir einen stark behaarten und maskulinen Mann vor, der, auf dem Sofa sitzend, grunzend seine weiterlesen

Kontemplation


Autorenleben


Durchatmen. Ich habe vor kurzem den Song »Regen« von Enno Bunger zufällig in einer Playlist gefunden. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich U-Bahn-Schienen, auf denen sich die aufgehende Sonne im Regen der letzten Nacht spiegelt und die sich in den Häuserschluchten der Stadt verlieren.
Manchmal, auf einer Wiese sitzend, streichele ich mit den Händen nasses Gras. Der Wind bläst mir Nieseltropfen ins Gesicht. Alles verschwindet, tropft von der Nase, und ich finde mich im Angesicht eines Orkans von Glen Hansard wieder, der am Horizont atemraubend, mächtig, überwältigend, alles mit sich reißend auf mich zukommt. Mich fragend, was geschieht, wenn der Orkan mich erfasst, wirbele ich auch schon willenlos und ohne Aussicht auf Gegenwehr umgeben von Leben durch die Luft, werde absorbiert weiterlesen

Polizeikontrolle


Autorenleben


Vor einiger Zeit habe ich ein Buch veröffentlicht. So aufregend der gesamte Prozess, also das Schreiben bis hin zur Veröffentlichung auch war, der Widerhall in der Gemeinde der potenziellen Leser lässt sich mit einem Wort beschreiben: dürftig.
Deshalb nutzte ich vor ein paar Tagen auf dem Flughafen – ich wollte einen alten Schulfreund abholen – die unvermeidliche Wartezeit, um die Menschen mit der Kamera einzufangen. Ein Buchtrailer, in dem Menschen hektisch umherwuseln, sollte treffend die Stimmung des Protagonisten widerspiegeln und eine gute Werbung für das Buch sein. Ich hatte, vor Kreativität überquellend, auch noch einen Sonnenuntergang und mich, den Autor, in verschiedenen Aufnahmen geplant.
Also filmte ich während des Wartens betont unauffällig zweimal eine Minute lang die weiterlesen