Kontemplation


Autorenleben


Durchatmen. Ich habe vor kurzem den Song »Regen« von Enno Bunger zufällig in einer Playlist gefunden. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich U-Bahn-Schienen, auf denen sich die aufgehende Sonne im Regen der letzten Nacht spiegelt und die sich in den Häuserschluchten der Stadt verlieren.
Manchmal, auf einer Wiese sitzend, streichele ich mit den Händen nasses Gras. Der Wind bläst mir Nieseltropfen ins Gesicht. Alles verschwindet, tropft von der Nase, und ich finde mich im Angesicht eines Orkans von Glen Hansard wieder, der am Horizont atemraubend, mächtig, überwältigend, alles mit sich reißend auf mich zukommt. Mich fragend, was geschieht, wenn der Orkan mich erfasst, wirbele ich auch schon willenlos und ohne Aussicht auf Gegenwehr umgeben von Leben durch die Luft, werde absorbiert von allem, was geschah und geschehen wird.
Im Auge des Orkans auf die Erde gespuckt, von Stille aufgesogen, bleibt nur wenig Zeit sich den Regen aus den Augen, die Erinnerungen aus den Haaren und das Chaos von der Hose zu wischen, zu streichen, zu klopfen. Kontemplation.

Was hast du in letzter Zeit getan?
Ich lief Straßen entlang.
Sah auf Wasser.
Sah durchs Fenster die Vorbeihuschenden.
Im Tunnel war Gestank.
Von der Brücke konnte ich weit sehen.
Türen waren geöffnet.
Nur am Tag.
Türme stachen in den Himmel.
Regen schlug mir ins Gesicht.
Lief mir in die Schuhe.
Ich habe Vögel beobachtet.
Wolken nachgesehen.
Atmete tief.
Mal war es dunkel, mal war es hell.
Bei alten Fotos kamen mir Tränen.
Mal aus dem einen, mal aus dem anderen Grund.
Ich habe mir auf den Daumen geschlagen.
Mir hat das Herz gepocht.
Ich hatte Angst.
Habe viel und herzlich gelacht.
Sonne schien durch Wolken und das Fenster.
Ich habe geweint.
Ohne Tränen.
Habe Trost gefunden.
Hatte Sehnsucht.
Habe erfahren, was Liebe ist.
Ich war im Museum.
Habe den Krieg gesehen.
Habe Briefe geschrieben.
Habe gesungen und geschlafen.
Ich habe getanzt.
Die U-Bahn hat gestunken.
Ich habe geflirtet.
Hatte Sex.
Wochen ohne Rechnungen waren schön.
Meistens bin ich pleite.
Ich lese viel und lerne noch mehr.
Oftmals träume ich den ganzen Tag.
Ich habe geputzt.
Manchmal gekocht.
Hatte oft Hunger.
Wurde bespuckt.
Wollte mich betrinken.
Wollte das Licht ausmachen.
Habe Sterne beobachtet.
Hatte eine Kerze an.
Brauchte Sonne.
War spazieren in der Nacht.
Habe geraucht.
Habe Tage gezählt.
Alte Briefe gelesen.
Habe Fremde gerochen.
Ich habe Wäsche gebügelt.
Ich habe Fenster geputzt.
Ich habe Blumen betrachtet, mir die Nase geputzt.
Ich bin geschwommen.
Ich habe gemalt.
Ich habe ferngesehen.
Ich hatte Schmerzen und Pickel.
Habe Musik gehört.
Habe mich gestreichelt.
Habe gespielt.
Habe gegähnt.
Habe gegeben, ohne zu nehmen.
Habe genommen, ohne zu geben.
War erregt.
Der Wind hat mit den Haaren auf meinem Arm gespielt.
Ich habe geblutet.
Ich habe geduscht.
Ich habe gewartet.
Eine unsichtbare Hand tippte mir auf die Schulter.
Bist du das gewesen?

Und schon geht es weiter. Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Es sind noch Plätze frei. Treten Sie ein, nehmen Sie Platz.
Vor allen, die wissen, wie es ihnen geht, ziehe ich meinen Hut. Respekt.


      

nach

Aktion und Reaktion. #Autor mit chronisch kalten Füßen. Is manchmal hier. Gelegentlich dort. Mit den Gedanken stets woanders. #selfpub